Auswärts im Nirgendwo (Spieltag 19)

26.01.2011

Es gibt Dinge und Orte, von denen hat man viel gehört und nichts davon war dazu geneigt einen an genau diesen Ort zu ziehen. Aber wenn unser FC St. Pauli in Sinsheim antreten muss, dann wagen auch wir uns in die tiefste Provinz. Die fanfreundliche Anstoßzeit – für die wir uns an dieser Stelle noch einmal herzlich bei DFB und DFL bedanken möchten – und die eher periphäre Lage nicht nur des Stadions sondern auch der Stadt selber, zwangen uns zur Anreise mit dem PKW. Immerhin liegt die Spielstätte der ebenso traditions- wie ruhmreichen TSG 1899 Hoffenheim direkt an der Autobahn, einige Kilometer südöstlich von Hoffenheim. Neben der eigenen Autobahnabfahrt, finden sich rund um das Stadion weitläufige Parkplätze. Da wir Bezahlkartensysteme in Stadien boykottieren, die Besatzung unseres Kleinbusses jedoch über Hunger klagte wagten wir uns weg von der Arena und den Parkplätzen auf der Suche nach dem Stadtkern von Sinsheim. Vorbei an dem nicht lizensierten schalverkäufer, der einen Che Guevara schal über diversen weiß-blauen TSG Schals feil bot, ging es in ein Gewerbegebiet. Hier sichteten wir – zu unserer großen Überraschung – Fans unseres Gastgebers, aber auch eine Möglichkeit zur Nahrungsaufnahme und einen Parkplatz.

Nachdem wir gegessen, schnell noch Totenköpfe auf Fahnen gesprüht und uns den Witterungsbedingungen entsprechend angekleidet hatten, machten wir uns zu Fuß auf den Weg zurück zur Autobahnabfahrt, also dem Stadion. Unser Weg führte durch einen Tunnel unter den Parkplätzen hindurch. Links und rechts Mauern aus Steinen, die in ihrer Optik wohl mittelalterlichen Stadtmauer nachempfunden waren und vielleicht so eine lange Tradition suggerieren sollten.
Die Arena selber sieht von außen aus, wie jede ihrer Schwestern. Die Beschilderung lässt zu wünschen übrig und natürlich gibt es auch in Sinsheim diese viel zu steilen Treppen, die man heutzutage in fast jedem Stadion neueren Baujahrs findet. Die Verantwortlichen der TSG ließen sich jedoch nicht lumpen uns setzten noch einen oben drauf, indem sie die Einlaßkontrollen am oberen Treppenabsatz durchführen ließen. Es gibt ja nichts angenehmeres als mit vielen anderen Menschen auf einer steilen Treppe zu warten. Oben angekommen, erfolgte dann der Hinweis, dass Frauen nur am äußersten rechten und linken Rand der ca. 8 m breiten Treppe kontrolliert werden. Auch hier hielt der Veranstalter eine vorherige Ankündigung – die dann ein doppeltes Anstellen vermeiden würde – wohl für unnötig. Nachdem unsere Zaunfahne auf rechtsextremistisches Gedankengut oder Verumglimpfung von Dietmer Hopp geprüft wurde, konnten wir dann auch in den Block.

Die Sicht im unteren Teil des Blocks ist bescheiden bis nicht vorhanden. Der obere Rand des Zauns, Metall mit Spitzen, verdeckt große Teile des Spielfelds. Immerhin wurde die unendlich nervige gelbe Werbefigur (siehe Foto weiter unten) kurz vor Anpfiff abgeschaltet.
Das Vorgeplänkel vor dem Spiel war peinlich. Die TSG, ja immerhin seit 1899 im Geschäft, war stark bemüht, es den später gegründeten Vereinen gleichzutun. So marschierten ca. 15 Fahnenträger mit großen Fahnen zum Mittelkreis um sich dort zu präsentieren. Über so ein organisiertes Fahnengeschwenke mag man ja denken was man will, aber wenn die Fahnen – bei denen es sich wohl zumindest teilweise um Fanclub-Fahnen handelte – alle mit einem Sponsorenaufdruck versehen sind, ist die Grenze zum Fremdschämen in greifbarer Nähe. Auch die Hoffen-Jungs, scheinbar mit Faible für eine eher martialische Ästhetik und vermummtem Fahnenträger schwenken gern ihre Fahne mit dem Aufdruck eines lokalen Druckbetriebs und Business Seat Partners ihres Vereins.

Die Auswahl der Musik vor dem Anpfiff läßt vermuten, dass der Stadionsprecher auf eine Anstellung als DJ auf Trash-Parties hofft. Immerhin wurde auch unsere Hymne gespielt und die Verkündung unserer Mannschaftsaufstellung wurde in der gleichen Weise zelebriert, wie die der Heimmannschaft. Irgendwie blieb allerdings eher ein fader Beigeschmack von Anbiederung. Nach drei oder vier Hymnen der Gastgeber, gings dann auch schon los.
Für die suboptimale Sicht aufs Spielfeld (wo es ja ohnehin nicht viel erfreuliches zu sehen gab) wurde man durch ständige Einblendungen auf der Anzeigentafel entschädigt, für die jedoch die Bezeichnung „Werbetafel mit der Möglichkeit ein Ergebnis anzuzeigen“ zutreffender wäre. Die Halbzeit wurde verkürzt durch schmissige Musik und das wieder in Betrieb genommene gelbe Männchen und die hiermit verbundenen Gewaltphantasien.

Nach Abpfiff sammelten wir unsere Truppe zusammen und begaben uns zügig zurück zu unserem Gefährt um schnellstmöglich wieder in die Zivilisation zurückzukehren.
Fazit: Mit der richtigen Truppe ist ja jede Fahrt irgendwie witzig, so auch diese. Dies lag allerdings ausschließlich an den Mitfahrern. Gemeinsam lässt sich auch die TSG 1899 Hoffenheim ertragen.

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